Als wir 2014 die Postivfaktoren entwickelt haben, war das eine echte Neuheit und bis heute ist diese simple Funktion einzigartig. Statt harte Kriterien, mit dem wir Einträge ausschließen müssten, sind wir das “Google” nur mit Nachhaltigkeitsbewertung. Und das ist auch immer noch das Ziel.

Transparenz statt Dogmatismus

Die Positivfaktoren bilden neben dem Wikiprinzip und den Hashtags, das Herzstück der Karten von morge. Wie sie genau funktionieren wird hier erklärt:

Auf der Sommerwoche der Gemeinwohlökonomie 2019 wurde die Weiterentwicklung der Karte von morgen besprechen, wie die Positivfaktoren zu einer online-crowd-Bewertungsplattform für die GWÖ werden kann.

Kontent vs. Qualität

Alle Plattformen müssen abwägen, ob sie lieber nur wenige, ausgewählte Einträge zeigen, oder möglichst viele und dafür im Verhältnis weniger Gute. Viele Nachhaltigkeitsplattformen haben daher eine recht schmale Auswahl. Das führt dazu, dass der Endnutzer lieber gleich zu Google geht, weil er schlecht Erfahrungen hat und befürchtet, auf der Öko-Plattform nicht das beste zu finden. Die Positivfaktoren waren unsere Lösung, beides zu verbinden.

  • Quantität: Jeder kann alles hinzufügen und alles finden
  • Qualität: Die am nachhaltigsten bewerteten Einträge kommen an erster Stelle.

Damit wählt der Nutzer immer intuitiv die nachhaltigste Option, weil sie ihm als erstes angezeigt wird.

Inspired by Gemeinwohlökonomie

2010 wurde die Gemeinwohlökonomie von Christian Felber veröffentlicht und seit 2012 machen wir mit der Ideenwerkstatt von morgen Bildungsarbeit zu diesem Thema. Wir haben die 4 Themenspalte der GWÖ-Matrix auf das bekannte 3-Säulenmodell der Nachhaltigkeit entschieden: People, Planet, Profit.

Eine richtige Gemeinwohlbilanz zu erstellen ist richtig Arbeit und kostet Geld, denn sie hat einen den Umfang zwischen Bachelorarbeit und Doktorarbeit und muss von externen Auditoren geprüft werden. Auf der anderen Seite fragen bisher sehr wenige Kunden aktiv in Unternehmen nach einer GWÖ-Bilanz und Steuersenkungen bekommen gemeinwohlzertifizierte Organisationen auch noch nicht, wie es die Vision vorsieht. All das hemmt die Verbreitung und flächendeckende Erstellung von Gemeinwohlbilanzen.

Daher wollten wir die Gemeinwohlökonomie vereinfachen und gleichzeitig näher an die Menschen bringen.

  • Mit unseren Faktoren können von allen Kund*innen aber auch von Mitarbeitenden einzelnen relevante Aspekte dargestellt und mit einer Quelle belegt werden. Es muss also nicht erst eine vollständige Bilanz veröffentlicht werden.
  • Für Kund*innen ist die Bewertung sofort ersichtlich.

Machen wir dabei keine Konkurrenz der GWÖ-Bewegung? Das glauben wir nicht, denn letztlich ist unsere Bewertung niemals so aussagekräftig wie eine richtige Bilanz. Stattdessen machen wir damit unmittelbar auf das Thema aufmerksam. Es ist auch fraglich, ob in der Zukunft jeder kleine Bäcker, den die Kunden persönlich kennen, eine ganze GWÖ-Bilanz erstellt bzw. sich das leisten kann. Aber bei großen Unternehmen scheint es durchaus gerechtfertigt, dass sie eine offizielle Gemeinwohl-Bilanz brauchen, damit sie überhaupt positiv bewertet werden können.

Nach wie vor ist es unser Ziel, unser Bewertungssystem soweit aus zu bauen und wasserdicht zu machen, dass es als Crowdsourcing-Tool für offizielle Gemeinwohlbilanzen genutzt werden kann. D.h. in Zukunft muss nicht ein Mitarbeiter der Nachhaltigkeitsabteiltung die ganze Bilanz schreiben, sondern Zulieferer, Eigentümer*innen, Mitarbeitende, jeder Kunde und das gesamte gesellschaftliche Umfeld beschreiben jeweils den Aspekt, der ihnen wichtig ist. Daten von Zertifizierungsinstituten (demeter, bio, fairtrade…) sollen automatisiert über Schnittstellen eingelesen werden. Die Bilanz wird laufend im Hintergrund berechnet und mit einem Klick, kann der Unternehmer den Bericht raus lassen. Dann muss nur noch ein Auditor prüfen, ob die Quellen stimmen und kein Bereich vergessen wurde, und die Bilanz ist fertig.

Zukunftsfähigkeit statt Gut oder Schlecht

Wie schaffen wir es von unbedarften Nutzer*innen, möglichst brauchbare Hinweise auf Zukunftsfähigkeit zu bekommen? Das war eine recht komplexe Frage, die wir psychologisch angehen wollten. Wir wollten auf keinen Fall eine negative anti-Plattform werden mit misstrauischer Grundstimmung.

Daher kam uns die Idee, statt mit Gut oder Schlecht einfach mit “zukunftsfähig” und “verganen” zu bewerten. Daraus entstand alsbald der Name “von morgen”

Aus dem anfänglichen 6-Stufigen Konzept wurde in der Umsetzung dann schnell auf ein 4-Stufiges umgestellt, da Markus von der Slowtech GmbH zurecht anmerkte, dass mit ein Laie zwischen “von übermorgen” und “von morgen” überhaupt nicht unterscheiden kann.

  1. Visionär
  2. von morgen
  3. von heute
  4. von gestern

Warum die Farben und die 6 Bereiche?

Nachdem wir uns für die 3 Säulen der Nachhaltigkeit als Grobstruktur entschieden hatten und diese als

  1. Mitwelt
  2. Mitmenschen
  3. Miteinander

bezeichneten, wollten wir dennoch möglichst alle Aspekter der GWÖ abbilden, um immer kompatibel zu bleiben.

  • Aus “Ökologische Nachhaltigkeit” wurde “Natürlichkeit” für die ökologische Vielfalt und “Erneuerbarkeit” für Ressourcenschutz. Inzwischen überlegen wir aber, diese beiden Bereiche wieder zusammen zu legen, weil Nutzer die Trennung nicht verstehen.
  • Aus “Menschenwürde” wurden “Fair”. Zudem haben wir den Begriff “Menschlich” hinzu gefügt, da wir uns viel mit der integralen Bewegung beschäftigt haben, welche Kultur Organisationen brauchen für einen gesellschaftlichen Wandel. Ein Aspekt, der aber eigentlich nicht richtig Kontrolliert werden kann, sondern nur gelebt wird, wenn er ermöglicht wird. Aber auch der GWÖ-Aspekt “Mitentscheidungen” spielt da mit rein.
  • Aus “Solidarität und Gerechtigkeit” wurde bei uns nur “Solidarisch” da wir den Gerechtigkeitsaspekt ausreichend durch die Fairness und Menschenwürde gespektiert sahen. Unter Solidarität sehenwir auch alles zum Thema kooperatives Wirtschaften, wo auch die Eigentumsfrage thematisiert werden soll.
  • “Transparenz und Mitentscheidungen” haben wir zu Transparenz gemacht, da dies eine prüfbare wichtige Vorraussetzung ist. Die Arte der Mitentscheidung spielt bei uns beim Thema “Menschlichkeit” eine Rolle.

Inzwischen überlegen wir, ob diese 6 Kathegorien immer noch richtig sind. Rückmeldungen und Kommentare dazu gerne unter dem Artikel.

Vision und nächste Schritte

Sind Kategorien nicht altmodisch?

Ja sind sie! Deswegen haben wir beim Inhalt darauf voll verzichtet und alles mit Stichworten abgedeckt. Wer dennoch etwas Übersicht sucht, kann das neue Glossar des Wandels nutzen: http://glossardeswandels.de/

Bei den Bewertungen haben wir aber dennoch Kategorien gewählt. Warum? Weil es bei der Nachhaltigkeitsbewertung um Vollständigkeit geht. Während bei Inhalten beliebige, fast endlose Stichworte Sinn machen, die teilweise auch das gleiche bedeuten können, müssen wir bei der Bewertung langfristig sicherstellen, dass nur einmal jeder Aspekt beantwortet wird, z.B. die Frage zu bio, und nicht mehrfach oder sogar widersprüchlich. Ohne Kategorien wäre es zu schwer zu prüfen, ob wirklich an alle möglichen Externalitäten gedacht wurde.

Eindeutige Hashtags für alle Nachhaltigkeitsaspekte

Wir wollen auch bei den Positivaspekten Hashtags einführen. Das hilft uns nicht nur beim Datenaustausch mit anderen Plattformen (z.B. der GWÖ) sondern auch, die relevanten Fragen zu kategorisieren und zu matchen. Beispielsweise braucht jeder Eintrag, der den Hashtag #Bäcker enthält, auch eine Bewertung zum Thema #bio, ob das “von morgen” also vorhanden ist, oder “von gestern” d.h. nicht angeboten wird. Solche “notwendigen-Bewertungen” können dann systematisiert für jede Branche definiert und automatisiert werden, sodass Unternehmen und Kunden von der Plattform aktiv gefragt werden können.

Zwei Stichwortarten

Hashtags könnten in Zukunft also unterteilt werden in folgende Arten:

  1. Was-Tags” sind ganz normale inhaltsdefinierende Stichworte. Im Grunde was wir jetzt schon haben und viel einfacher ist, denn sie sind relativ unattraktiv zu fälschen. Wer will schon behaupten, Milch zu verkaufen, wenn er damit seine Kunden nur enttäuscht, weil sie es ja sowieso gleich merken würden, wenn es das nicht gibt.
  2. Wie-Tags” sind die Aspekte, die Nachhaltigkeit beschreiben und Hintergrundinfos zu den Orten angeben, die auf den ersten Blick nicht ersichtlich sind. Diese sollten möglichst verlässlich sein. Sie können nur von gewissen Stellen verifiziert werden. (Vorschlagen, d.h. behaupten, kann es jeder nutzer. Gewichtet wird es dann erst bei Verifzierung.)

Trennung von Fakten und Wertungen

Fakten müssen in erster Linie nachweisbar sein und sind damit für jeden gleich. Ob meine Kühe Hörner haben oder nicht, darüber müssen wir nicht diskutieren, sondern genau hinschauen etc. Hier ist allein die Glaubwürdigkeit des Prüfers entscheidend.

Dagegen ist die Frage, wie ich den Fakt bewerte, dass meine Kühe Hörner habe, sehr unterschiedlich. Vielen wäre es wohl egal, aber für einen Demeterfan sind die Hörner heilig. Ähnlich unterschiedlich ist die Bewertung der Atomkraft: Während sie in Frankreich und anderen Ländern als Klimaretter verehrt wird, wird sie in Deutschland konsequent abgelehnt. Aber auch innerhalb der Länder unterscheidet sich das kulturelle Empfinden oder die Wertungen sehr. B-Corp und GWÖ vergeben unterschiedlich Punkte auf die gleichen Aspekte.

Die Bewertungen der Fakten müssen wir daher unabhängig vollziehen. Da kann uns Wissenschaft Orientierung bieten, aber letztlich sind es ethische Fragen, ob Genmanipulation schlimmer ist als Genderungleichheit etc. Jede Region, jede Bewertung kann also einen Wertekatalog erstellen, der dann auf die Fakten gelegt wird. Und was dann im einen Land als sehr nachhaltig empfunden wird, muss in einem anderen auch gar nicht nachhaltig sein. Nicht jeder Wertekatalog wird alle Fakten berücksichtigen. Für andere Wertekataloge wird die Kenntnis bestimmter Fakten zwingend erforderlich sein. Die Menschen haben ihre Werte aber in der Hand und können das, wie es die Gemeinwohlökonomie vorschlägt, in Regionalparlamenten diskutieren und festlegen. Steuern auf Produkte, wenn sie sich nach der Bewertung richtet, wären dann in jeder Region anders. Hier ist allein die kulturelle, ethische Wertigkeit eines Zustandes entscheidend.

Kooperation mit Zertifizierungsstellen und Verbänden

Um sicher zu stellen, dass die “wie-Tags”, die die Nachhaltigkeit definieren, glaubhaft sind, wollen wir sie mit Zertifizierungsstellen verbinden. Beispielsweise kartiert die Gemeinwohlökonomie alle GWÖ-Unternehmen, der Demeterverband dann alle Demeterhöfe und definiert dadurch automatisch, dass sie demeter-zertifiziert sind. Ein Ökostromanbieter kartiert gleichzeitig seine Unternehmenskunden und so gibt es Einträge, die dann sowohl auf der Demeter-Karte als auch auf der Ökostromkarte stehen.

Technische Umsetzung

Wir müssen langfristig also sicherstellen, dass Wie-Tags bspw. #Demeter, #GWÖ-Zertifiziert, #Ökostrom oder #PoC-Regionalgruppe nicht einfach von jedem hinzugefügt und gelöscht werden können. Daher werden solche Stichworte nur noch über die Positivfaktoren eingegeben werden können.

Wie-Tags sind also immer mit einer Positivfaktoren-Bewertung verbunden. Auch die Zugehörigkeit zu einem Netzwerk, beispielsweise den Pioneers of Change, ist damit eine Bewertung, da sie die Qualität/ Werte dieses Netzwerkes vertreten. Wer mitdiskutieren will, wie das technisch geht, ist hier auf Github willkommen:

SDGs in die Karte integrieren

Über die Positivfaktoren wollen wir auch die nachhaltigen Entwicklungsziele integrieren. Dazu werden die 17 Zielen unseren 6 Positivfaktoren-Kategorien zugeordnet. Mehr dazu hier:

Gemeinwohl-Steuer einführen

Letztendliches Ziel, die Vision der Karte von morgen (und das teilen wir 1:1 mit der Gemeinwohlökonomie) ist die Einführung einer Gemeinwohl-Steuer, die unser aktuelle Mehrwertsteuer ersetzt (und schrittweise auch viele andere Steuern, incl. Teile der Einkommenssteuer) und die unterschiedlich hoch ist, je nachdem wie nachhaltig ein Produkt hergestellt wurde. Damit haben dann Grundnahrungsmittel nicht mehr automatisch alle einen vergünstigten Steuersatz, sondern nur solche, die Regional, Chemiefrei, fair und bio hergestellt wurden. Komplett regional vertriebene Produkte, bspw. die Milch vom Bauern vorm Dorf, ist sogar komplett Umsatzsteuer befreit, um eine resiliente, lokale Grundversorgung auf zu bauen.

Nachhaltige Produkte (fair, bio, erneuerbar) sollen steuerlich bevorzugt werden, in dem die Mehrwertsteuer entfällt (für regional, nachhaltige Produkte) oder stark reduziert ist (bio, fair, nachhaltig transportiert). Konventionelle Produkte sollten immer 19% oder sogar 30 % Mehrwertsteuer haben, auch wenn es Grundnahrungsmittel sind, sofern sie nicht nachweisen können, dass keine Umwelt zerstört wird.

Damit ist der liberale “Race to the bottom”, in dem sich alle Staaten mit Steuersenkungen unterbieten müssen und dabei Stück für Stück ihre Kultur-, Bildungs- und Sozialsysteme totsparen, gestoppt und es gibt Luft zum Aufbau neuer sozialer Netze.

Vielen Dank fürs Lesen!
euer Helmut

Zur vollständigkeit folgt ihr das gesamte Originalkonzept, wie wir es 2014 ausgearbeitet hatten.